Haltung und Zucht des Spix-Aras (Cyanopsitta spixii)

Ein Bericht von Dr. Josef Hämmerli in der Mai 1991 Ausgabe von Gefiederter Freund

Verhalten

Im Jahre 1978 kam ich eigentlich unverhofft zu einem Pärchen Spix-Aras. Während der ersten Jahre verhielten sich die zwei kleinen Blauaras recht scheu und dennoch aggressiv. Beim Betreten der Voliere griffen sie mich richtiggehend im Sturzflug an und bearbeiteten mich rücksichtslos mit den Schnäbeln. Bis zum heutigen Tag kommen solche Episoden vor. Vor den Angriff stellen sie das Kopfgefieder auf und die Pupillen werden eng. Eine Zutraulichkeit, wie sie verschiedentlich in der Literatur erwähnt wird, trifft auf mein Zuchtpaar nicht zu. Die Nachzuchtvögel aus der Betreuung sind jedoch zutraulich und zum Teil auch handzahm. Die oft angegebene Verspieltheit gegenüber dem Pfleger hält sich in Grenzen, unter ihresgleichen dagegen kann von einem kaum zu überbietenden Spieltrieb gesprochen werden. Dabei halten sie sich mit Vorliebe mit einem Fuss am Dachgitter fest und baumeln spielerisch während Minuten.  

Fühlt sich einer dieser so sehr differenzierten Vögel massiv bedroht, so legt er sich, augenblicklich erstarrend auf den Rücken und verharrt in dieser Stellung, ohne sich zu wehren, bis die Gefahr vermeintlich vorüber ist. Ich kenne keine Papagei-Art, die so situationsgerecht reagiert. Man kann dieses Verhalten vielleicht als Intelligenz oder hohen, geistigen Differenzierungsgrad benennen. Auch das Gedächtnis dieser Wesen ist geradezu fabelhaft. Deren Geschicklichkeit wurde zweifellos schon manchen Papageienliebhabern zum Verhängnis, da sie auch komplizierte Käfigverschlusse öffnen können. In meiner Anlage vermochte vor ungefähr fünf Jahren das Spix-Männchen zweimal einen Federsplint, welcher zur zusätzlichen Sicherung des Überwurfriegels angebracht war, zu öffnen, um den besagten Riegel in die Öffnungsstellung zu bringen und zu entweichen. Der Ausbrecher verblieb während eines halben Tages auf einer hohen Eiche nahe der Voliere, und ich hielt während dieser Zeit mit dem geladenen Jagdgewehr Wache; um ihn vor Angriffen durch Greifvögel wie Habicht und Sperber zu schützen. Weil jedoch zu jener Zeit das Spix-Weibchen auf Eiern sass, kam er beim Einnachten in die Aussenvoliere zurück. Seit dieser lehrreichen Erfahrung sichere ich die Türen der Spix-Voliere mit einem speziellen Zylinderschloss.

Ernährung

Die Fütterung dieser Vogelart hat sich durch deren Bevorzugung folgendermassen herauskristallisiert. Meist als Morgengruss verabreiche ich ein kleines Stück mageres, grobfaseriges Rindfleisch, welches ich hin und wieder mit einem Tropfen Polyvitaminpräparates und/ oder Calcium-Vitamin D3 anreichere. Später gebe ich verschiedene Früchte oder Beeren. Geradezu süchtig sind sie auf die Frucht der Hunds- oder Heckenrose (Rosa canina), die Hagebutte. Jedes andere Futter wird verachtet, wenn sie dieses angeboten erhalten und sie verlieren beim Verzehr dieser Früchte sogar die Aggressionen gegen den Pfleger. Während der Brutzeit sollte man davon nicht allzuviel anbieten, ich verlor auf diese Weise vor Jahren einmal ein Gelege, je mehr der kleine Blauara von diesen Hagebutten verzehrt desto mehr Rückstände kleben am und um den Schnabel. Ausserhalb der Brutzeit nehmen sich die Vögel Zeit um ihn zu reinigen, während derselben jedoch beeilt sich das Weibchen, nach dem Verzehr dieser Leckerbissen, möglichst rasch auf das Gelege zu kommen. Wenn es dabei mit dem klebrig verschmutzten Schnabel die Eier wendet, werden dieselben im Verlaufe der Brutzeit zunehmend von dieser Masse bedeckt und die Embryonen sterben infolge behinderten Gasaustausch ab. Die Früchte der Eberesche, auch Vogelbeere genannt (Sorbus aucuparia), ist ebenfalls ein sehr beliebtes Futter. Sie können gleich der Hagebutte, übrigens ohne grossen Verlust an Vitaminen, tiefgefroren auf Vorrat gehalten werden. Werden Obst oder Früchte angeboten, so interessieren sich die Cyanopsittae nur für deren Kerne und verschmähen das Fruchtfleisch. Milchiger Mais kann ebenfalls tiefgefroren werden und wird saisonal wechselnd gerne als Futter angenommen. Ich brauche ihn auch als Vehikel für Medikamente, vor allem Wurmmittel soweit die sehr robusten Spix-Aras überhaupt solche brauchen.

Beim Körnerfutter lieben sie die Karden-Samen auch Kardi genannt (Dipsacus silvestris) ausserordentlich. Ganz gerne fressen sie auch die weisse Sonnenblume (Helianthus annuus) und Zirbelnüsse (Pinus cembra). Mit beiden übe ich wegen des hohen Fettgehalts grosse Zurückhaltung. Unter den Wild- und Kulturpflanzen zeichnet sich die kleinen Blauaras mit Auseinanderzupfen und Verzehr der halbreifen Samen. Gleiches gilt für den Herbstlöwenzahn (Leontodon autumnalis).                  

 Haltung

Der kleine Blauara ist sehr wärmebedürftig. Bei Temperaturen unter 20 Grad Celsius zeigt er durch sein Verhalten sein Unbehagen an. Er plustert sich auf und verliert seine Lebhaftigkeit. Auch ein kleiner Innenraum kann genügen, wenn der Aussenflug entsprechend gross, d.h. mindestens vier Meter lang und zwei Meter breit ist. Sehr wichtig ist, dass sowohl Innenraum als auch Aussenflug einen absoluten Sichtschutz zu den Nachbarflügen gewährleistet. Diese unglaublich neugierigen Wesen werden leicht vom Brutgeschäft abgelenkt, indem sie das Treiben in der Nachbarschaft beobachten und durch entsprechende Lautäusserungen sehr differenziert kommentieren. Allein schon auf Grund solcher Lautäusserungen können meine Frau und ich erahnen, was in der Spix-Voliere abspielt. Auch die kleinste Ritze in der Wand genügt für diese Papageien, um durch diese stundenlang in die Nachbarvoliere zu spähen und mit dem ganzen Register an Lautausserungen ihre Meinung dazu zu sagen. Auch eine zu gute Hörverbindung sollte nicht bestehen, denn sie reagieren sehr leicht auf akustische Signale anderer Papageien und vor allem auf solche von Artgenossen.

Diese starke Sensibilisierung auf optische und akustische Reize passt auch zum ausgeprägten Revierverhalten dieser Vögel. Ich erwähnte schon die Angriffe beim Betreten ihrer Voliere. Das Revier reicht jedoch weit über die eigene Voliere hinaus; vom Aussenflug beobachten sie das ganze Gelände und geben sofort Warnlaute ab oder stossen Drohrufe aus, wenn sich eien wirkliche oder vermeintliche Gefahr abzeichnet. Aus der Distanz von weit über 100 Meter erkennen sie mich und geben Begrüssungsrufe ab. Nähere ich mich jedoch aus derselben Entfernung mit einer ihnen unbekannten Person, so ertönt der wohlbekannte Warnruf, ein durchdringendes, metallisch klingendes Trtr – Trtr.

Bei der Inneneinrichtung der Voliere muss darauf geachtet werden, dass die Verspieltheit dieses Kleinaras nicht vergessen wird. Er liebt es, auf frischen Ästen herumzuturnen und zwischen deren Zweigen seine gekonnten Akrobatikflüge zu zeigen. Mit solchen frischen Ästen kommen wir auch dem grossen Nagebedürfnis entgegen. Auch ausserhalb der Brutzeit nehmen die Spix-Aras täglich ein oder mehrmals ein Bad. Die Futtergeschirre sollen entweder befestigt sein, oder einen sehr breiten Fuss aufweisen da es diesem doch kleinen Ara gelingt auch einen tönernen Futternapf von mehr als vier Pfund Gewicht vom Futterbrett zu ziehen; er freut sich jedesmal daran, wenn dann das schwere Geschirr polternd zu Boden fällt. Was nicht niet- und nagelfest ist wird von diesem kleinen Kraftprotz wegeschleppt und hinuntergeworfen. Über die Art der Türverriegelung habe ich mich schon früher geäussert. Aber nicht nur komplizierte Verschlüsse kann der kleine Blauara öffnen. Wenn ich z.B. die mit einem feinen Gewinde versehenen Abflussrohre der Vogelbrunnen nicht kräftig anziehe, so schraubt er sie in wenigen Minuten heraus. Bei der Haltung dieser Papageien spielt die Bezugsperson eine zentrale Rolle. Je nach ihrem Aufgabenkreis, ihrem Benehmen und ihrem Geschlecht nehmen sie dann eine ganz bestimmte Stellung im sozialen Gefüge der Spix-Familie ein. Um diese sehr fein abgestimmte Gesellschaftsordnung zwischen unseren Familienmitgliedern, meiner Frau, unseren drei Töchtern und mir nicht zu stören, behält jedes seine Rolle bei. Bei meinem mehrmaligen, täglichen Besuch in der Voliere achte ich auf einen bestimmten Fahrplan. Ich halte also bestimmte Zeiten ein. Auch bei meiner Kleidung vermeide ich allzugrosse Unterschiede; ein Besuch in der weissen Artztschürze wurde mir übel vermerkt von den „kleinen Blauen“ wie wir sie gerne nennen. 

Zucht   .                   

Wie ich schon erwähnte gelang in meiner Anlage im Jahre 1984 die erste Nachzucht eines Cyanopsitta spixii. Aber schon ca. zwei Jahre zuvor legte das Weibchen zwei weichschalige Eier. Ich verfütterte daraufhin ein mit Vitamin D angereichertes Kalkpulver, welches ich in meinem Berufe als Arzt den schwangeren Frauen abgebe oder bei Säuglingen und Kleinkindern zur Rachitis-Prophylaxe einsetzte. Etwa vier Monate später erfolgte das nächste Gelege. Es bestand wieder aus zwei Eiern. Das erste derselben war wohl hartschalig, aber stark verformt, wies also nicht die übliche Eiform auf. Das zweite Ei war wieder weichschalig, ein Windei, wie wir es zu nennen pflegen. Ich verfutterte weiterhin täglich die Calcium-Vitamin-D-Mischung. Im Jahre 1983 brachte das Spix-Weibchen nur ein Gelege, wobei vorerst ein Ei gelegt wurde und das zweite wegen Legenot nicht folgte. Wie üblich setzte ich es unter die Infrarot-Lampe , wo es zwei Tage verblieb, ohne dass das Ei gelegt wurde. Das Weibchen nahm keine Nahrung und kein Wasser mehr auf und sein Zustand verschlechterte sich rapide. Ich musste also handeln und machte vorsichtig ein kleines Klistier in die Kloake, denn ich konnte im Beckengebiet das Ei tasten. Es musste sich im Übergangsgebiet vorn Eileiter in die Kloake befinden. Auch durch diese Massnahme konnte der Ausstoss des Eies nicht veranlasst werden. Nach einigen Stunden des Wartens zerdrückte ich dann vorsichtig das Ei und der Vogel erholte sich dann recht schnell. Ei-Inhalt und Schalenstücke wurden erst tags darauf ausgestossen.

Auch während der folgenden Jahre und das letzte Mal vor vier Wochen, erkrankte dieses Weibchen jährlich etwa einmal an Legenot, trotz genügender Wärme von 20 bis 25 Grad Celsius, idealer Luftfeuchtigkeit und bester Ernährung. Während der letzten Jahre ortete ich jeweils das Ei mittels einer Röntgenaufnahme und ging dann, wie oben beschrieben vor. Ich lebe mit der grossen Angst und Sorge dass sich vielleicht doch einmal die Legenot nicht mehr beheben lässt.

Im Jahre 1984 gelang dann die erste ungestörte Brut. Ich konnte erst in den Nistkasten sehen als der Jungvogel bereits befiedert war. Er wies ein Gewicht von 360g auf, die Schwanzfedern steckten grösstenteils noch in den Kielen und wiesen eine Länge von 12 cm auf, die Handschwingen waren 7 cm lang. Der Kopf und der Rumpf waren von hellblauem Flaum bedeckt. Die seitlichen Ränder des Oberschnabels sind mittelgrau und dessen Rücken ist schneeweiss. Der Unterschnabel ist mittelgrau. Die Gesichtsmaske ist zart hellblau bis weisslich. Die Unterseite der Ständer ist fast rein weiss, in der Bauchmitte kann ein etwa fünf Millimeter breiter nackter Streifen festgestellt werden. Die dunkle Iris verleiht ihm die hübschen Kinderaugen. 

Bereits einen Monat nach dem Verlassen des Nistkastens versuchte der junge Cyanopsitta selbständig Nahrung aufzunehmen. Er bevorzugte dabei Früchte. Er wurde jedoch noch lückenlos von den Alttieren gefuttert.  Etwa zehn Wochen nach dem Ausfliegen unterliessen sie die Fütterung und reagierten überhaupt nicht auf den Hungerstreik ihres Jungen. Dann begann er gleich den Eltern selbständig zu fressen.

Das Gefieder hatte sich in der Zwischenzeit vervollständigt, die Maske wurde zunehmend dunkler, das übrige Gefieder zeigte ein satteres Blau, der weisse Oberschnabelstreif wurde etwas schmaler und das Grau der übrigen Schnabelteile wurde satter.

Nicht nur das körperliche Aussehen änderte sich laufend, auch das Benehmen entwickelte sich in Richtung Jugend und dann Erwachsenerleben. Der junge Spix-Ara wurde zunehmend verspielter. Er nahm Gegenstände in den Schnabel oder die Füsse, spielte damit, legte sich auf den Rücken, überrollte sich oft mehrmals und gab vergnügische Laute von sich. Gleich den Alten entging ihm nichts in seiner Umgebung und in seinen Flugkünsten stand er ihnen in nichts mehr nach.

Ganz genau im Alter von einem Jahr verschwand der weisse Streifen auf dem Oberschnabel und die Weissfärbung von Fuss- und Zehenunterseite. Aber auch die Hellfärbung von Maske und übrigen Gefieder wies nur noch einen geringen Unterschied zu den Eltern auf.

Im Alter von etwa sechs Monaten musste ich den Jungpapageien von seinen Eltern entfernen, da sie ihn nicht mehr duldeten. Hielt er sich an einem ihnen nicht genehmen Ort auf, so fassten sie ihn mit dem Schnabel an den Schwanzfedern und zogen ihn weg.

Anfangs 1985 erkrankte das Weibchen mit dem dritten Ei wiederum an Legenot. Mit der bereits früher so oft angewendeten Behandlung überlebte es wiederum, kehrte aber nach der Genesung nicht mehr auf die zwei verbleibenden Eier zurück. Ich versuchte sie mittels Kunstbrut zu retten. Es gelang nicht. Das eine der Eier war 30 x 40 mm bei 23g und das andere 31 x 45 mm bei 24g Gewicht. Sie waren befruchtet. Im Sommer desselben Jahres gelang eine ungestörte Brut und es schlüpfte ein Jungvogel bei einem Dreiergelege. Ich wagte auch diesmal keine Nestkontrolle, da die Eltern sehr aggressiv auf jede Störung reagierten. Nach dem Verlassen des Nistkastens entwickelte sich der junge Spix erfreulich und analog bei den Erstgezüchteten.

So war jeweils ziemlich genau ein halbes Jahr vergangen vom Beginn der Eiablage bis zur Selbständigkeit des Jungvogels. Um all die Vorgänge um dieses Zuchtpaar besser beobachten zu können, installierte ich eine Farb-Video-Überwachungsanlage. Im Mai 1986 begann das Männchen mit dem Füttern der Partnerin und Ende des Monats beobachtete ich über die Videoanlage regelmässig Kopulationen. Das Paar drückte die Analgegend aneinander, wobei der übrige Körper rhythmische, leicht drehende Bewegungen ausführte. In dieser Stellung die Anal- bezw. Kloakengegend aneinander reibend und steil aufgerichtete Schwanzfedern dauerte ein Tretakt oft fünf bis zehn Minuten. Nach gehabter Freude schütteln beide ausgiebig das Gefieder. Auch während der Eiablage wird täglich kopuliert. Dies hört erst nach der Ablage des letzten Eies auf.  

Anfangs Juni 1986 wurde das erste und im Abstand von zwei Tagen dann ein zweites und drittes Ei gelegt. Dank der Kameraüberwachung konnte ich genau beobachten wann das Weibchen den Naturstamm verliess. Ich nahm in einer solchen Brutpause eine Nestkontrolle vor, konnte jedoch nur einige Sekunden lang in den hohlen Stamm sehen, da sofort beide Spix-Aras stürmisch die Bruthöhle aufsuchten. Während der folgenden vier Tage hatte ich den Eindruck, dass das Weibchen die Brut fortsetzen würde. Am fünftenTag jedoch sass es während Stunden auf einem Ast im Innenraum. Mit Hagebutten lockte ich beide Vögel in den Aussenflug, verschloss die Verbindungsklappe und sah dann in den Nistkasten: ein Ei war zerbrochen, zwei waren intakt, befruchtet und angebrütet. Ich beliess die Situation wie sie war. Das Weibchen kehrte nicht mehr aufs Gelege zurück. So hatte ich für längere Zeit den Mut zu Gelegekontrollen verloren.   

Bereits drei Wochen später legte das Weibchen wieder. Leider trat bei der Ablage des zweiten Eies schon wieder die Legenot auf. Auch diesmal konnte ich es mit der bewahrten Behandlung retten. Noch nie in meinen dreissig Jahren Vogelzucht habe ich bei dem selben Papagei so häufig Legenot beobachtet. Eine Erklärung dafür fehlt mir bis heute. Nach meinen Beobachtungen tritt diese Schwierigkeit hauptsächlich bei folgenden Situationen auf: zu tiefe Temperaturen; zu trockene Luft und bei dünnschaligen oder schalenlosen Eiern.

Inzwischen war es August 1986 geworden. Es tat sich nichts mehr im Fluge der Lieblinge unter meinen Papageien bis anfangs Oktober. Dann begann das Männchen wieder mit der Fütterung des Weibchens. Es wurde reichlich gebalzt und Ende dieses Monats auch kopuliert. Wegen der kommenden Kälte – der Innenraum war wohl geheizt., der Aussenflug aber kalt – brachte ich das Paar in eine geräumige Estrichvoliere meines Hauses. Am Weihnachtstage fand ich ein Ei von 42 x 30 mm und am 27. Dezember 1986 ein solches von 45 x 31 mm im Nest. Am 29. Dezember um 20.30 Uhr beobachtete ich über die Videoanlage wie das Weibchen aus der Öffnung des Brutstammes schaute. Es flog dann nicht wie üblich zum Männchen hin, sondern kletterte langsam auf einen Ast. Bei einem Versuch zum Partner zu fliegen, fiel es zu Boden und blieb mehr als eine Minute dort. Dann kletterte es mühsam wieder auf einen Ast, wollte von dort wieder zum Männchen fliegen und fiel dabei in die Vogeltränke. Wiederum auf einem Ast, verharrte es dort mit gestelltem Gefieder, machte Pressversuche mit dem Beckenboden, als ob es Kot entleeren wolle und führte mit dem Schwanz wippende Bewegungen aus. Ich wusste dass es leider schon wieder an Legenot krank war. Am 30. Dezember 1986, um sechs Uhr morgens, sah ich wieder zu dem Patienten. Das Krankheitsbild war unverändert und ich setzte ihn, wie schon so oft, in den Krankenkäfig unter die Infrarot-Lampe, machte ein kleines Klistier in die Kloake und versuchte das Ei auszutreiben. Es gelang nicht und ich zerdrückte es darauf sachte. Bereits am Nachmittag desselben Tages konnte das Spix-Weibchen bei der Nahrungsaufnahme beobachtet werden. Eindrücklich ist die Änderung seines Benehmens im Falle von Krankheit bzw. Legenot. Bei voller Gesundheit kann es nur unter heftigster Gegenwehr in die Hand genommen werden. Bei Legenot nimmt es, ohne sich zu verteidigen, ja geradezu dankbar meine Hilfe an. Das Verhalten dieses Papageis ist sehr situationsgerecht.

Am 6. Juni 1987, Pfingstsonntag, legte das Spix-Ara-Weibchen wieder das erste Ei von 45 x 33 mm in den Naturnistkasten. Am 8. Juni fand ich ein zerbrochenes Ei vor demselben. Bei der Kontrolle vom 10. Juni fand ich ein zweites Ei im Kasten, also das dritte des Geleges. Aus unerfindlichen Gründen schlüpften am Ende der Brutzeit die Jungvögel nicht, und etwa eine Woche später verliess das Weibchen das Nest. Ich entfernte die beiden Eier und fand darin voll entwickelte Jungpapageien vor.

Am 11. August 1987 legte das Spix-Weibchen bereits wieder das erste Ei. Diese endlich wieder einmal erfolgreiche Brut konnte ich dank früherer guter und schlechter Erfahrungen nun auch lückenlos dokumentieren. Da ich wusste, dass es noch keinem Züchter bisher gelungen war, die Brut und Aufzuchtzeit fotographisch festzuhalten, ging ich mal mit äusserster Sorgfalt zu Werke. Als Mitglied der Zuchtgruppe zur Rettung des Spix-Aras gebe ich zu diesem Bericht gerne auch die entsprechenden Bilder. Hier nun die Chronologie:

11.8.87   Beginn des Nachgeleges. Erstes Ei

13.8.87   Zweites Ei

15.8.87   Drittes Ei

22.8.87   Ein Ei legt zerdrückt im Nest. Die beiden andern sind befruchtet und vital.

6.9.87   Ein höchstens zweitägiger Jungvogel ist im Nest. Feiner Flaum bedeckt ihn.

13.9.87   Der Jungvogel hat schon die doppelte Schlupfgrösse.

20.9.87   Die Altvögel ändern die Ernährungsgewohnheiten und nehmen vermehrt Kalk,                      Frischfleisch, milchige Maiskörner und Trockenbrot auf.  

24.9.87   Das Weibchen verlängert die Aufenthaltszeit ausserhalb des Nistkastens von früher 1-2 auf 5-10 Minuten. Dann wird es vom Männchen in den Kasten gedrängt.

29.9.87   Die nun sehr trocken gewordene Einstreu verursacht beim Jungvogel eine Bindehautentzündung. Augensalbe bringt rasche Besserung. Der Flaum wird dichter und bläulich. In der Bauchmitte vertreibt ein nackter Streifen. Der bisher weisse Oberschnabel beginnt an den Rändern dunkel zu werden.

4.10.87  Schwanz und Flügelenden zeigen Federkiele.

13.10.87  Das Weibchen verlässt nun den Nistkasten täglich für zwei bis drei Stunden.

18.10.87  Heute, Sonntag, wird der junge Spix gewogen; 352 g. In seiner sechsten Lebenswoche messen die Schwanzfedern 10 cm und die Handschwingen 7 cm. Das Äussere und dessen weitere Entwicklung entsprechen dem früheren Beschrieb.

25.10.87  Tagsüber wird der junge Blauara nur noch stundenweise, nachts jedoch voll gehudert. Die Eltern beginnen wieder mit dem geschlechtsspezifischen Ritual ausserhalb der Triebphase.

27.10.87  Heute, Dienstagmorgen, ist der Jungvogel ausgeflogen.

16.12.87  Er frisst zum Teil selbständig.

30.12.87  Die Altvögel unterlassen die Fütterung des Jungens. Hungerstreik desselben während mehr als einem Tag.

Trotz des mir allzu bekannten Risikos der regelmässigen Störung des Brutgeschäftes der Spix-Aras, wagte ich anfangs 1990 nochmals eine Farbvideo-Überwachung mit entsprechenden Nestkontrollen. Am 18. März 1990 um ca. 17.00 Uhr wurde das erste Ei gelegt; 40 x 34 mm und 23 g schwer. Am Sonntag, den 25. März trat Legenot auf. Die Röntgenaufnahme bestätigte den Verdacht. Die Situation wurde lebensbedrohlich und ich leitete sofort die bekannte Behandlung ein. Einen Tag später konnte ich das Spix-Weibchen seinem Partner zurückgeben. Das sog. Nachgelege brachte wieder einmal eine erfolgreiche Brut, deren Ablauf  ich wiedergeben möchte:

24.4.90   Erstes Ei

27.4.90   Zweites Ei

29.4.90   Drittes Ei. Bei der Nestkontrolle vom Samstag, den 5. Mai 1990 stellte ich ein Vierergelege fest.

15.5.90   Drei befruchtete und zeitgerecht entwickelte Eier sind im Kasten, eines ist unbefruchtet.

29.5.90   Ein Jungvogel im Alter von etwa vier Tagen ist im Nest. Wie in früheren Jahren wurden die anderen Eier nicht mehr bebrütet und die weitere Verlauf unterschied sich nicht von früheren Beobachtungen und Beschrieben.

Insgesamt habe ich bis heute fünf Spix-Aras nachgezüchtet.

ZUSAMMENFASSEND KANN FESTGESTELLT WERDEN

-          dass das Gelege des Cyanopsitta spixii bei jungen Individuen aus zwei, bei älteren aus bis zu vier Eiern besteht.

-          die Legedistanz zwei Tage beträgt und dieser zweitägige Legerhythmus nur um Stunden abweicht.

-          die Eier entweder im Verlaufe des Vormittags gegen neun Uhr oder des Nachmittags gegen fünf Uhr gelegt werden.

-          der grosse Eidurchmesser 40 – 45 mm und der kleine 30-35 mm, das Eigewicht 21-23 g beträgt.

-          die Brutzeit 26 Tage dauert.

-          die Nestlingszeit bis zum Ausfliegen des Jungvogels zwei Monate ist.

-          die Jungen nach dem Verlassen des Nestes noch drei Monate voll durch die Eltern gefüttert werden.

-          sich die jungen Spix-Aras bis zum Alter von einem Jahr erheblich von den Altvögeln unterscheiden und dann bis zum Alter von zwei Jahren immer noch ganz feine Unterschiede bestehen.

Ende    

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 " Naturam expellas furca, tamen usque recurret "

( If you drive out nature with a pitchfork, she will soon find a way back)

Horace (65-8 BC)